Vater und Sohn sind eins

Der Ausspruch „Der Vater und der Sohn sind eins“ bezieht sich gleichermassen auf eine esoterische Einsicht als auch auf ein (körper-) energetisches Pendant zu dieser Einsicht. Die Bedeutung sowohl des Vaters als auch des Sohnes ist somit zweierlei. Der Vater ist „oben“, der Sohn folglich „hier“ bzw. je nach Sichtweise auch „unten“.

Das „Königreich Gottes“ ist weder ein in der Zukunft liegender Zeitpunkt noch eine in der Zukunft liegende Zeitperiode, welche erst noch verwirklicht werden müsste. Das Königreich Gottes ist auch keine „Herrschaft Gottes“ im Sinne einer noch zu verwirklichenden Einheit von Staat und Individuum auf der einen Seite und Moral, Ethik und Glauben auf der anderen Seite. Das Königreich Gottes ist kein gesonderter oder erst noch zu verwirklichender Zustand eines besonders ethischen, friedlichen oder auch freien zwischenmenschlichen Zusammenlebens, kein Zustand einer kollektiven Orientierung hin auf irgendwelche bestimmte Werte, Ideen oder gelebten Ideale.

Der Vater ist die Domäne göttlichen Seins, welches bereits jetzt und schon immer und immerdar die grundlegende Kondition oder die Grundlage schlechthin allen Seins ist.

Der Vater ist das „spiritualisierte“ Sein, wobei „spiritualisiert“ in diesem Zusammenhang nicht meint, dass dieses Sein etwa zu irgendeinem Zeitpunkt der Vergangenheit oder in der Gegenwart zu Gott emporgehoben worden wäre. Der Vater ist also vielmehr das spiritualisierende, spirituelle und spiritualisierte Sein, kurz die immerwährende und zeitlose und unbedingte Tatsache oder das Aufgehobensein des Seins als und in Gott.

Der Sohn ist das Sein nicht unter Ausklammerung der göttlichen Grundlage sondern als Ausrichtung auf diese göttliche Grundlage hin. Wie der Vater schon immer die spiritualisierte Grundlage allen Seins ist, so ist der Sohn schon immer die Ausrichtung der Domäne allen Seins auf den Vater hin.

Die Spiritualisierung der Domäne des Seins findet durch den Vater statt, nicht durch den Sohn. Diese zu jedem Zeitpunkt stattfindende Spiritualisierung ist nichts anderes als die Herrschaft Gottes in der Welt. Die Tatsache dieser Herrschaft Gottes in der Welt wird als „Königreich Gottes“ bezeichnet.

Wir könnten somit auch den Sohn als die Welt und den Vater als das Göttliche bezeichnen und den Heiligen Geist als die Tatsache der Nicht-Getrenntheit von Sohn und Vater bzw. Welt und Göttlichem.

Wie alle esoterischen Lehren und Einsichten besitzt auch diese ein Äquivalent in Bezug auf den menschlichen Denk-, Energie- und Körperkomplex. Der menschliche Körper wird zu jedem Zeitpunkt schon immer und für immer spiritualisiert durch die in das obere Ende (Kronenchakra, Sahasrara) des Zentralkanals einströmende Energie. Gott, der Vater, residiert oben.

Das untere Ende des Zentralkanals entspricht dem Sohn. Der Sohn residiert hier/unten.

Ist der Sohn unten vereinigt mit dem Vater oben, so spiritualisiert der Vater den Sohn. Ein Licht dringt von oben in den Körper ein und strömt unten aus dem Körper hinaus in die Welt. Dies entspricht der Herrschaft Gottes in der Welt. Aus Sicht des Sohnes ist die Welt „nur Gott und nichts als Gott“. Der Zentralkanal schwingt als Ganzheit und ist gefüllt vom „Heiligen Geist“, also der Tatsache der Vereinigung von Vater und Sohn. Die beiden Enden sind nicht lediglich zwei Pole derselben Sache, sondern darüber hinaus gemeinsam in eine unauflösbare harmonische Bewegung vertieft, in ein Spiel oder eine einheitliche Schwingung, die die Eigenheit beider Pole transzendiert.

Fehlt die Vereinigung des Vaters oben mit dem Sohn unten, so gibt es mindestens zwei mögliche Zustände.

Erstens der Zustand der vollständigen Trennung von Vater und Sohn. Dieser Zustand wird gemeinhin als „Sünde“ bezeichnet, gilt als nicht erstrebenswert und stellt den ursprünglichen Zustand von Ignoranz in der Welt dar, welche nicht-spiritualisiert ist. Energetisch gesehen sind das untere und das obere Ende des Zentralkanals nicht miteinander vereinigt. Beide Enden sind relativ geschlossen, Energie dringt weder in den Zentralkanal hinein noch in angemessener Weise hinaus. In vielen Fällen herrscht eine relative Abwärtsorientierung des Betroffenen vor, ein letztlich unangemessenes Interesse in der Form von Reduktion der Aufmerksamkeit auf Geld, Essen und/oder Sex. Dieses Interesse bleibt unabhängig von den Anstrengungen des Individuums, zu einer fundamentalen inneren Zufriedenheit zu finden, jedoch Zeichen innerer Armut und inneren Mangels.

Zweitens der Zustand der einseitigen Orientierung des Sohnes zum Vater hin ohne das Bewusstsein der zu jedem Zeitpunkt stattfindenden Spiritualisierung durch den Vater. Der Sohn anerkennt die Herrschaft des Vaters nicht. Diesem Bild entsprechen typischerweise die aufstrebenden und asketischen religiösen Traditionen, welche durch diverse Mittel versuchen, den Körper zu negieren und ihn im reinen Geist aufgehen zu lassen. Das Individuum bleibt in seinen Anstrengungen, den Vater zu erreichen, wie in einem Hamsterrad gefangen, ohne Einsicht, dass der Vater nicht erreicht werden kann, da er bereits und schon immer die spiritualisierte Grundlage der Domäne des Seins darstellt. Was aber schon da ist, kann bekanntlich nicht erreicht werden.

Theoretisch ist ein dritter Zustand möglich, ein Zustand der einseitigen Orientierung des Vaters zum Sohn hin ohne das Selbstbewusstsein des Sohnes. Der Vater herrscht zwar, aber der Sohn ist nicht etabliert und somit fehlt dem Vater die Grundlage, über die er herrschen könnte. Dieser Zustand entspricht meines Wissens keiner bekannten religiösen Tradition. Manche Schizophrenieerkrankungen erinnern vom Krankheitsbild an diesen Zustand.